Frank Turner in Köln

Loss mer singe 2.0

Sechseinhalb Jahre ist es her, da stand auf der Bühne des rappelvollen Kölner Undergrounds ein Typ, der nur die Vorvorband war für die damals noch am Anfang ihres kometenhaften Aufstiegs befindlichen The Gaslight Anthen. Nur mit Akustikgitarre bewaffnet, schaffte dieser damals 28-jährige Engländer etwas, das kaum einem Singer/Songwriter sonst auch nur ansatzweise gelingt: Er brachte den kompletten Saal mit seiner charmanten Art, leidenschaftlichen Songs und netten Anekdoten zum andächtigen Schweigen. Dieser Typ war Frank Turner und hatte sich prompt eine veritable Fanbase erspielt.

Sechseinhalb Jahre später ist diese so riesig geworden, dass er, mittlerweile mit Unterstützung der Sleeping Souls unterwegs, die großen Hallen füllt. Doch am Donnerstag stand Turner wieder da, wo seine Karriere in Deutschland begann: Auf der Bühne des Underground. Bevor die Tour zu seinem neuen Album „Positive Songs for negative People“ so richtig durchstartet, hat er nämlich kurzfristig vier kleine Clubshows angesetzt, die in wenigen Minuten ausverkauft waren. Und wo ließe sich eine Welttournee besser starten, als in einem wieder rappelvollen sympathisch abgefuckten Club in Köln? Eben.

Turner ist hörbar gealtert: Die neuen Songs, von denen er am Beginn des Sets einige spielt, sind deutlich getragener und gehen nicht so in die Beine wie sein immer von den alten Punk-Wurzeln getriebenen Folkrock-Werken davor. Doch das Publikum nimmt jeden Song dankbar auf und tanzt und wogt eng zusammengepresst hin und her. Turner und Band geben auf der Bühne alles, schmeißen sich mit Hingabe in jeden Song. Auf der Bühne merkt man ihm die mittlerweile 34 Jahre alles andere als an. Der Mann liebt die intime, schwitzige Clubatmosphäre. Und der Club liebt ihn an diesem Abend.

Insbesondere die Songs der Alben der Jahre zuvor starten voll durch: „Peggy sang the Blues“ findet massiven Wiederhall in Hunderten Kehlen, bei „Photosynthesis“ sitzen alle auf dem Boden, um mit Turner dann zu schmettern: „So I play, an you sing/the perfect way for an evening to begin.“ Dann gibt es kein Halten mehr und Köln feiert die größte Abrissparty vermutlich seit dem letzten Frank-Turner-Konzert. „I still believe“ beschwört mit seiner wunderbaren Zeile „something simple as Rock’n’Roll will save us all“ die Kraft der Musik und der catchy Singalong „There is no God, so clap your hands together“ macht für vier Minuten auch die gläubigsten Menschen zu Atheisten.

1721 Konzerte hat Dauer-Tourer Turner gespielt, rechnet er zu Beginn des Abends vor. Nach 90 plus drei Minuten Nachspielzeit ist das großartige 1722. Konzert Geschichte und der Sympath von der Insel geht eine letzte Symbiose mit dem frenetischen Publikum ein und lässt sich singend auf Händen durch den Saal tragen. So weit war er vor sechs Jahren noch nicht.

Absolute Hingabe: Frank Turner im Underground. Fotos: Alex Jobi

Absolute Hingabe: Frank Turner im Underground. Fotos: Alex Jobi

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