The War On Drugs in Köln

99,9 Prozent

Was macht den perfekten Kneipenabend aus? Entspannte Atmosphäre, gute Gespräche und hervorragende Musik. Das Ambiente muss gar nicht unbedingt schick sein. Es muss einen treffenden Rahmen bilden, eine solide Basis bieten für das, was die Gäste dann daraus machen. Übertragen auf Konzerte war die Show von The War On Drugs in der Kölner Live Music Hall genau dieser perfekte Abend.

Die Indie-Rockband aus Philadelphia kam der Definition einer 1+ mit Sternchen extrem nahe. Die sechsköpfige Live-Besetzung um Mastermind Adam Granduciel brachte in knapp zwei  atemberaubenden Stunden weit mehr auf die Bühne, als nur das Ergebnis des Zusammenspiels aller Instrumente. Es gibt wohl derzeit kaum eine Band, deren Sound so organisch, so als Ganzes wirkt wie der von The War On Drugs – obwohl jedes einzelne Instrument auf der Bühne, Schlagzeug, Bass, Gitarren, Keyboards, Orgel und tiefe Blasinstrumente, auch für sich genommen eine ganz eigene Magie entfacht.

Sänger und Gitarren-Halbgott Granduciel wäre wohl mit Bestnoten Absolvent der Mark-Knopfler-Schule für perlendes Gitarrenspiel geworden – wenn es sie denn geben würde –  und erhellt den dunklen Konzertsaal mit seinen oft improvisiert wirkenden Parts und zum Ende von fast jedem Song mit krachenden, nicht minder virtuosen Soli. Mit seiner dylanesquen Stimme kreiert Granduciel ständig neue Gesangsmelodien, die so auf dem überragenden aktuellen Album „Lost In The Dream“ mit Sicherheit nicht vorkommen.

Überhaupt scheinen Songs von The War On Drugs einem ständigen Weiterverarbeitungsprozess zu unterliegen. Viele Details wirken aus der Situation heraus neu interpretiert, das Grundgerüst der Songs bildet lediglich den Rahmen, in dem sich diese seit Jahren dauertourende Band virtuos und unglaublich gut aufeinander abgestimmt bewegt. Der einmal mehr punktgenaue und stimmig abgemischte Sound in der Live Music Hall tut sein übriges dazu, dass The War On Drugs der Perfektion, den 100 Prozent, sehr, sehr nahe kommen an diesem Abend – und damit ganz nebenbei das schauderhafte Gastspiel im Gebäude 9 vom vergangenen Jahr vergessen machen. Damals musste jeder Zuhörer Angst vor einem Hörsturz haben, wenn Granduciel zu einem Solo ansetzte, so mies und blechern war der Sound.

The War On Drugs überführen die ganz spezielle Magie von „Lost In The Dream“ so stimmig auf die Bühne, dass jeder Song – sie spielen alle – ein kleines Meisterwerk für sich ist. Aus der synthielastigen Springsteen-Nummer „Burning„, die an „Dancing In The Dark“ erinnert, macht die Band zum Start ein verträumtes Schunkel-Stück. Die Single „Red Eyes“ hingegen gerät zur wilden Rock-Nummer, Überlängen-Stücke wie „Eyes To The Wind“, „An Ocean In Between The Waves“ oder „Under The Pressure“ sind mit ihrem treibenden Groove und fast sphärischen Klanggebilden ein fast magisches Erlebnis und Gesamtkunstwerk.

Als dann als letzte Zugabe das schleppende „Suffering“ erklingt, ist es wieder wie bei dem perfekten Kneipenabend: so richtig rund ist er nur mit einem passenden Rausschmeißer.

Das Publikum: Vom weißhaarigen Gitarrenlehrer, dem allwissenden Rolling-Stone-Leser über den Mittvierziger im U2-Tour-Shirt bis hin zu Indierock-Fans und Hella von Sinnen extrem heterogen. Viele sind für diese exklusive Deutschland-Show eigens aus den Niederlanden, aus Hamburg oder aus Stuttgart angereist, so wie der mexikanische Austausch-Student, der nachts noch mit dem Bus wieder nach Schwaben zurückgefahren ist. Ausverkauft war es trotzdem nicht ganz – im vorderen Bereich konnte man unfallfrei Bier holen und entspannt stehen, was dem Konzert nur angemessen war. Eine Wohltat zudem: Handys waren kaum zu sehen – das Publikum war ganz auf die Musik fixiert.

Das Merchandise: Leider eine Unart, die sich zu etablieren scheint: Shirts für 25 Euro, die aktuelle Doppel-LP ebenfalls. Spärliche Auswahl, da es keine Voband gab. Das immerhin, war sehr angenehm an einem Montagabend.

Heimliches Highlight: Drummer Charlie Hall bei seinem, vorsichtig gesagt, eigenwilligen Stil zu beobachten. Der Mann bringt eine Mischung aus diesem Zeitgenossen hier (klick), Springsteen Drummer Max Weinberg und Dave Grohl, wenn er ein bisschen albern ist (so wie hier) auf die Bühne.

The War On Drugs auf dem Best Kept Secret Festival 2014:

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