The Bronx in Köln

Themenabend Energie

Der Saal ist die Bühne. Bronx-Sänger Matt Caughthran in gewohnter Pose. (Foto: Ben Schmidt)

Der Saal ist die Bühne. Bronx-Sänger Matt Caughthran in gewohnter Pose. (Foto: Ben Schmidt)

Am Ende hatte Matt Caughthran jeden einmal berührt. Mindestens einmal. Für den Sänger der Hardcore-Punkband The Bronx aus Los Angeles müsste ein neuer Begriff erfunden werden. Rampensau ist viel zu niedlich und würde ihn in eine Reihe stellen mit anderen Künstlern, den dieses Prädikat schon zugeschrieben wurde. Gegen Obersau Caughthran sind sie alle kleine Ferkelchen. Höchstens.

Das kompakte Energiebündel mit der Fleischmütze hält es nur einen Song auf der Bühne des ausverkauften Gebäude 9 in Köln aus, ehe es den Moshpit der wilden Meute höchstpersönlich anführt. Mit langem Mikrokabel und bemitleidenswertem Roadie, der von vorne aus immer dafür sorgen muss, dass der Mann auch weiterhin wie ein Derwisch durchs Publikum pflügen kann, ohne dass zu viel von diesem Kabel auf der Strecke bleibt.

Die vier Mann, die auf der Bühne stehen, um diese einmalige Show musikalisch anzuschieben, sind im Grunde zu Statisten degradiert. Caughthran funktioniert den gesamten Raum zur Bühne um, niemand schaut hoch zu den Musikern, unter denen auch Social-Distortion-Drummer David Hidalgo junior ist, der Jorma Vik vertritt. Ob dieser wirklich nur einen Hass auf Köln hat, wie Caughthran erzählt, oder wegen Flugangst oder ähnlichem zuhause in LA geblieben ist – egal.

Mitten im Konzert steht Caughthran dann doch wieder auf einer Art Bühne. Allerdings gegenüber seiner Band, vor dem Soundboard. Der Song läuft eine Minute, da setzt er zum Stagedive an – so müssen auch die wenigen, die das Konzert bisher in Ruhe von hinten betrachtet haben, mal ran.

Der Sänger wuchtet sich dermaßen vehement über die Köpfe seinen Publikums, der Weltmeister im Baumstammwerfen hätte seine wahre Freude. Auf der Erde prallen ohnehin alle Jungs und Mädels im Moshpit an Caughthran ab, der nie auch nur eine Textzeile schlabbert, bei all dem Furor.

Der einzig negative Aspekt: Wer nachher keine Kopfschmerzen hatte, weil er irgendein Körperteil vor den Schädel bekommen hatte, hatte sie wegen des fast schmerzhaft übersteuerten, lärmigen Sounds.

Oder wegen Ex-Gallows-Sänger Frank Carter, der mit seiner Band The Rattlesnakes als Special Guest vor The Bronx auftrat. Auch Carter tobte viel im Publikum herum, die Band spielte extrem druckvollen, hochklassigen Hardcore. Beim vorletzten Song gedachte Carter den bei den Anschlägen in Paris im Club Bataclan getöteten Konzertbesuchern und sang die letzte Strophe mitten im Publikum auf den Schultern eines Fans stehend. Großes Kino.

Doch als hätte er all das sofort danach vergessen, stimmt er den Refrain des letzten Songs an: „I hate you/ and I hope you will die“. Etwas Unreflektierteres ist wohl selten auf eine Bühne gebracht worden.

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