Was geht und was nicht

Nachlese zum Record Store Day

Der Record Store Day ist am vergangenen Samstag über die Bühne gegangen – die Diskussionen um seinen Wert (und den so mancher Veröffentlichung) halten an. Der Tag wurde 2007 aus völlig reinen, guten Motiven ins Leben gerufen: um in Zeiten, in denen die Schallplatte noch kein kultiges Sammlerobjekt, sondern außerhalb ihres Nischendaseins im Rap und der elektronischen Musik vom Aussterben bedroht war, dafür zu sorgen, dass unabhängige Plattenläden wieder ein Ort der Begegnung werden konnten, der mehr bietet, als ein MP3-Download es je könnte. Überspitzt formuliert, sollte wieder an das Kulturgut Plattenladen erinnert und dessen Überleben gesichert werden. Man kann sagen: das hat für viele funktioniert.

Die meisten Plattenläden brauchen mittlerweile keinen Record Store Day für genug Kundschaft, um zu überleben. Vinyl boomt wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Das stetige Wachstum der vergangenen Jahre wurde 2014 nochmals exorbitant gesteigert. Selbst der Bundesverband Musikindustrie hat extra zum Record Store Day eine Pressemitteilung herausgegeben mit dem Titel: „Vinyl-Boom im Streaming-Zeitalter“. 1,8 Millionen Alben seien 2014 verkauft worden – so viele, wie seit 1992 nicht mehr. 2006 waren es gerade einmal 300.000.

Vinyl boomt mittlerweile derart, dass die wenigen verbliebenen Presswerke teilweise Probleme haben, die Nachfrage überhaupt zu bedienen. Das schlägt sich – regelmäßige Plattenkäufer können dies bestätigen – auf die Preise nieder. Kaum eine Doppel-LP ist noch unter 25 Euro zu bekommen, selbst auf kleineren Konzerten springen Bands auf den Hype auf und verlangen mitunter mehr als 20 Euro für die aktuelle LP, ohne je Geld für Vertrieb in die Hand genommen oder an andere Mitverdiener abgedrückt zu haben.

Das Kopfschütteln der Händler ist nun am Record Store Day – genau wie die hohen Preise – auf die Kunden übergegangen. Klar: es war ein schöner Tag im und um den Underdog in Köln beispielsweise. Tolles Wetter, ein voller Plattenladen, Livemusik, viele rare Veröffentlichungen, gemischtes Publikum und sicher so manches Gespräch, das sonst nie stattgefnden hätte. Doch einige Musikfans haben sich nach langem Anstehen gefragt, warum sie beispielsweise gerade 35 Euro für eine Doppel-LP von Biffy Clyro ausgegeben haben, deren Musik seit zehn Jahren bekannt ist. Und wer „Puzzle“ bisher noch nicht digital bessen hat, für den lag noch nicht einmal eine CD oder ein Downloadcode bei. Man kann einen solchen Preis mit der Auflage von 3000 Stück rechtfertigen. Oder ihn einfach Abzocke nennen.

Doch es gibt Beispiele, die schlichtweg absurd sind. Die Inhaber des Hamburger Plattenladens „Michelle Records“ geben bei Spiegel Online einen Einblick: „Bei manchen Platten denken die Verantwortlichen offensichtlich, dass sie den Fans das letzte Hemd ausziehen können. Da sind die kleinen Indie-Labels fast drastischer als die großen. Wenn wir schon 25 Euro im Einkauf für eine Single zahlen, ist der Endpreis den Kunden nicht mehr zu vermitteln. Oder: Eine Einzel-LP mit Auszügen von Bob Dylans „Basement Tapes“ auf 200 Gramm Vinyl gepresst sollte uns im Einkauf ohne Mehrwertsteuer 78 Euro kosten. Das geht nicht.“ Richtig, das geht nicht.

Was gut geht, hat die tolle Atmosphäre und die nochmals gesteigerte Resonanz auf den Record Store Day gezeigt. Aber um es fatalistisch auszudrücken: Sobald die Schallplatte, die natürlich einen deutlich höheren Preis haben muss, als eine CD oder gar ein Download, mehr und mehr zum Luxusgut verkommt und die Fans sich in größerer Zahl abgezockt fühlen, ist sie wohl ähnlich schnell wieder da, wo sie 2006 stand: vor dem Aussterben.

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