"Handwritten" von The Gaslight Anthem

Große Musik mit neuer Handschrift

Gaslight-Anthem-HandwrittenThe Gaslight Anthem legen mit „Handwritten“ ein sehnsüchtiges, uramerikanisches Rockalbum vor und stehen damit in einer Reihe mit Heroen wie Tom Petty, Little Richard oder The Clash. Und auch die Vergleiche mit Bruce Springsteen sind nun hinfällig.

Der Musikkritiker Jon Landau verkündete Mitte der 70er Jahre, er habe die Zukunft des Rock’n’Roll gesehen und ihr Name sei Bruce Springsteen. Landau wurde wenig später dessen Manager, Springsteen ist heute noch immer ein Weltstar. Viele Bands und Künstler sind seitdem mit ähnlichen Verheißungen aufgetaucht und genauso schnell wieder verschwunden. Eine Band, die mehr denn je präsent ist in diesen Tagen, ist The Gaslight Anthem.
Nach ihrem punkigen Debüt „Sink Or Swim“ (2007) brachten sie im darauffolgenden Jahr mit „The 59 Sound“ das Album heraus, das einem neuen Sub-Genre seinen inoffiziellen Namen geben sollte: Springsteen-Punk. Mit großen Melodien im Gepäck beschwor „The 59 Sound“ wie auch der Nachfolger „American Slang“ irgendwo zwischen Punk und Rock verortet eine Art modernen amerikanischen Traum. Und all die Chevrolets, die Marias und die Freundschafts-Beschwörungen, die es lange zuvor schon bei Springsteen gegeben hatte, waren wieder allgegenwärtig. Das vierte Album der Band, die wie Springsteen aus New Jersey kommt, heißt „Handwritten“ und hat sich von den alten Punk-Wurzeln fast gänzlich gelöst. Auf ihrem Debüt bei dem Branchen-Riesen Universal spielt die Band so, als wenn es ihr zum ersten Mal egal wäre, was der Boss dazu sagen würde.Der Stil ist immer noch unverkennbar, doch die Musik hat eine Eigenständigkeit entwickelt, die keinen Vergleich mehr mit anderen Großwerken der Rockgeschichte scheuen muss.

Daran ändert auch nichts, dass das Album von Brendan O’Brien, dem Haus-und-Hof-Produzenten von Pearl Jam und – natürlich – Bruce Springsteen, produziert wurde. Er hat den allesamt großartigen Songs einen satten, ausgewogenen Sound verpasst und der Band ein perfektes Timing von laut und leise, langsam und schnell angedient.

Natürlich haben The Gaslight Anthem ihre musikalische Vergangenheit nicht ausgelöscht. Sie haben auf „Handwritten“ nur ein paar Spuren verwischt. Und natürlich haben sie den Rock nicht neu definiert. Die Songs sind immer noch drei bis vier Minuten lang, haben laute Gitarren und Drums. Das Großartige ist, so beschreibt es Schriftsteller Nick Hornby, dass man denkt, man hätte so etwas vorher schon einmal gehört. Und dann entdeckt man, dass das falsch ist.

Die Qualen unerfüllter Liebe Tag für Tag

Sänger Brian Fallon hat durchweg persönliche Lieder geschrieben und somit die Erzählperspektive gewechselt. „Früher habe ich viele Namen und Orte und Geschichten benutzt, um zu erzählen, was ich sagen wollte“, sagt der Frontman. Nun seien es Songs „ohne Make-up“. Und Fallon trägt diese Songs derart inbrünstig vor, als würde er jeden Tag aufs Neue unter den Qualen der unerfüllten Liebe leiden, die er in vielen Liedern sehnsüchtig offenlegt.

Die Single „45“ hatte schon einen Vorgeschmack auf das gegeben, was auf Albumlänge passieren würde. Zwischen all den schon fast poppigen „hey, heys“, „yeah, yeahs“ und „shalalas“ verbergen sich tiefgründige Songs wie „Keepsake“, der im Gewand des klassischen Rock-Stampfers daherkommt und in dem Fallon voller Sehnsucht schlussfolgert: „I just wanna love someone who has the same blood.“

Die Selbstreflexion „Too Much Blood“ legt in Sachen Rock-Stampfer noch eine Schippe drauf, bleibt aber dennoch auf geradezu sanfte Weise abwechslungsreich. „Mae“ leitet mit seinem warmen Gitarrenregen stimmungsvoll über zum akustischen Schlussstück „National Anthem“, einem der schönsten Songs, die Fallon je geschrieben hat.

The Gaslight Anthem haben mit „Handwritten“ ein großes, vor Sehnsucht triefendes und vor allem uramerikanisches Rock-Album vorgelegt und müssen nun nicht mehr mit Bruce Springsteen verglichen werden.

Die Band steht jetzt in einer Reihe mit dem Boss, oder anderen Heroen wie Tom Petty, The Clash oder auch Little Richard, deren Einfluss unüberhörbar ist, deren Musik aber eine andere war. Wenn Bruce Springsteen tatsächlich jemals die Zukunft des Rock’n’Roll gewesen sein sollte, sind The Gaslight Anthem seine legitimen Nachfolger.

 

Kurz zusammengefasst: The Gaslight Anthem haben sich auf ihrem vierten Album endgültig von den Punk-Wurzeln entfernt und sich musikalisch auch dank Produzent Brendan O’Brien Richtung Rock entwickelt. Herausgekommen ist eine Platte, die keinen Vergleich zu den Werken von Genregrößen scheuen muss.

Dieser Text ist zuerst erschienen im General-Anzeiger Bonn im Juli 2012.

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