Faszination Vinyl - zu Besuch im Kölner Plattenladen Underdog

Die Welt ist eine Scheibe

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Für immer mehr Menschen ist die Nadel in der Rille mehr wert als der Laser auf einer Kunststoffscheibe. (Fotos: Henner Rosenkranz)

Immer mehr Musikliebhaber entdecken die besondere Magie der guten alten Schallplatte neu. Vinyl ist wieder angesagt, wie ein Besuch im Kölner Plattenladen Underdog zeigt. Fünfmal in der Woche um 11.30 Uhr schließt Lars Hoffmann die Tür zum Paradies auf. Ein Paradies für Menschen, die süchtig sind. Für Menschen, deren Welt eine Scheibe ist. Für Menschen, die vielleicht sogar von sich behaupten können, von einem Drei-Minuten-Song mehr gelernt zu haben als jemals in der Schule. Und Lars Hoffmann hat, wonach sie suchen, er hat das, was sie brauchen: Musik. Lars Hoffmann verkauft Schallplatten.Sein Laden heißt Underdog und wurde 1997 in der Kölner Ritterstraße eröffnet.

Der Name kommt nicht von ungefähr: Einmal über den vielbefahrenen Hansaring gegangen, fand sich damals die selbst ernannte größte CD-Auswahl der Welt in einem Musik-Großmarkt – David gegen Goliath, Underdog gegen Saturn.Auch heute noch ist der Branchenriese nicht zu übersehen in dem großen Backsteingebäude mit der grellen Werbung. Der Underdog hingegen muss gefunden werden. Kein Schild zeigt an, dass dort überhaupt ein Geschäft ist. Nur ein schwarzes Poster im Schaufenster gibt einen Hinweis. Mit Geiz ist geil, heiler Pop-Welt und auf Tonträger gepresster Massenware hat der Underdog aber auch nichts zu tun. Eher steht er für das Gegenteil.

An diesem Freitag im Juni 2013 ist es aber auch im Underdog zunächst nicht weit her mit dem Paradies. Lars Hoffmann, den alle nur Hoffi nennen, ist genervt. Genervt von Hip-Hop. Seit Tagen rufen täglich Dutzende Rap-Fans bei ihm an, um noch Karten für ein großes Festival zu ergattern. Und Hoffmanns Laden ist die einzige Vorverkaufsstelle in Köln und Umgebung.Seit das Festival im Internet ausverkauft ist, rufen sie minütlich an oder verirren sich in den Laden, um noch ein letztes Ticket zu bekommen. „Nein, leider ausverkauft“ – diese knappe Auskunft wird Hoffmann an diesem Tag noch zig Mal per Telefon und persönlich aussprechen zu Musikfans, die vorher noch nie vom Underdog gehört hatten. „Gestern war ich so genervt, da habe ich einfach den Stecker rausgezogen“, sagt er.

Underdog in Köln

Reinhören gehört zum guten Ton im Underdog.

Hoffi, das wird schnell klar, ist trotz seines kumpelhaften Namens nicht gerade ein großer Kommunikator. Schon gar nicht, wenn es um Rap geht. Schließlich verkauft der 40-Jährige das ziemliche Gegenteil davon: Rock in allen Facetten. Von Metal über Hardcore und Punk bis hin zu Indie. Zum Start in den Tag legt er aber erst einmal einen Klassiker auf den Plattenteller: David Bowies Geschichte von Major Tom, „Space Oddity“. Nach Krawall ist ihm jetzt nicht. Noch nicht.
Die ersten „normalen“ Kunden kommen herein. Vorher standen rund 20.000 Tonträger schweigend in dem schlauchartigen Laden, umgeben von hellgrünen Wänden, zusammengezimmertem Mobiliar und, klar, Rock-Postern. Es duftet nach einer Melange aus Pappe, Kunststoff, altem Holz und dem ganz eigenen Aroma der Vinyl-Scheiben. Nun ist durch die bloße Anwesenheit von Menschen plötzlich Atmosphäre da.Mit konzentriertem, starrem Blick bringen sie die fein säuberlich geordneten Schallplatten in Bewegung. Eine nach der anderen wird mit den Fingern nach vorne weggeblättert. Nur die Hände und die Augen sind aktiv, scannen in Sekundenbruchteilen jedes Cover. Der Körper steht starr vor einer Reihe, „Indie/Postpunk/Alternative“ – so steht es in Großbuchstaben auf den Trennwänden, die die LPs innerhalb eines Genres nach Buchstaben ordnen.

Das Gehirn arbeitet auf Hochtouren und greift – Platte für Platte – auf eine riesige Musikdatenbank zu, googelt den eigenen Kopf: „Die Band kenne ich, die Platte interessiert mich nicht, diese hab? ich schon.“ Die transparenten Schutzhüllen aus Kunststoff sorgen dafür, dass die Schallplatten immer weich gegeneinanderfedern und ein sanfter Luftzug nach oben weggepresst wird. „Die suche ich schon lange, über die Band habe ich letztens gelesen, das Album muss ich mal probehören.“ Einzelne Platten werden herausgezogen, näher unter die Luppe genommen und wieder einsortiert. Das Blättern geht weiter. „Von der Gruppe habe ich noch nie gehört, die Band habe ich schon mal auf einem Festival gesehen, die Platte hier kauf‘ ich!“

Frauen machen rund ein Drittel der Kundschaft aus

Männer, das wird schnell klar, sind auch beim Plattenkauf Jäger und Sammler. Sie pirschen sich durch unzählige Veröffentlichungen, auf der Suche nach dem Erfolgserlebnis, nach fetter Beute, nach einem seltenen Prachtexemplar. Frauen hingegen machen zwar nur rund ein Drittel der Kundschaft aus, gehen dafür aber gezielter vor. Eine Kundin fragt gleich nach dem neuen Album von „The National“. Lars Hoffmann sagt: „Hinten, bei den Neuheiten.“ Nach wenigen Minuten ist die Scheibe in einen weißen, raschelnden Plastikbeutel eingetütet. „Schallplatten“ steht darauf, abgebildet ist, logisch, eine Vinylscheibe.

Bernd Longerich ist der klassische Jäger und Sammler. Selbst wenn er, so wie heute, in der Mittagspause vorbeikommt. Bevor er die Neuerscheinungen durchforstet, gibt er bei Hoffmann einen Zettel ab mit den Titeln von Platten, die nicht im Laden stehen und die er für ihn bestellen soll. Jeden Freitag geht das so.

Longerich ist 50 Jahre alt und Beamter. Doch von der Optik her würde es auch nicht verwundern, wenn er als Bassist in einer Rockband schuften würde. 2000 Vinyl-Scheiben hat er im Laufe der Jahre zusammengesammelt. Geordnet nach Genre und Alphabet. „Anders geht es gar nicht mehr“, sagt der dunkelbärtige Jeansträger.

Underdog in Köln

Die Platten sind durch Trenner aus Kunststoff fein säuberlich geordnet.

Longerich ist ein Rückkehrer. Als die CD in den achtziger Jahren aufkam, wechselte er auf das digitale Medium. Vor sechs Jahren hat er sich wieder auf Vinyl festgelegt. „Würde Bernd nicht kommen, wüsste ich gar nicht, dass Freitag ist“, scherzt Hoffmann, sichtlich besser gelaunt als noch am Vormittag.

Sein Stammkunde macht klar, warum er, warum immer mehr Menschen ihre Musik wieder auf Vinyl kaufen: „Trotz Knistern klingt die LP einfach besser. Und das Format ist schöner, allein weil das Cover so gut zur Geltung kommt. Die ganze Haptik ist hochwertiger. Bei einer CD interessiert mich das alles gar nicht mehr. Ich habe noch nie eine nur wegen des Covers gekauft. Bei LPs passiert mir das oft. Da sagen manchmal Bilder mehr als tausend Worte.“

Bernd Longerich spricht für den Trend. Die CD-Käufe nehmen seit Jahren ab. Das merkt auch Lars Hoffmann. Zur Ladeneröffnung bestand das halbe Sortiment aus den Silberlingen. Mittlerweile sind es vielleicht noch 20 Prozent. Viele davon verramscht er, um Raum zu schaffen. „Niemand kauft heute noch eine drei Jahre alte CD für 15 Euro“, sagt Hoffmann. Am Ende des Tages wird er ganze vier CDs verkauft haben. Das Gute daran: Der gesteigerte Verkauf von LPs macht den Einbruch bei den CDs locker wett.

Mittlerweile ist früher Nachmittag. Die Anrufe wegen des HipHop-Festivals nehmen nicht ab. Hoffmann ist jetzt auf Krawall gebürstet. Als wolle er den Rap-Fans zeigen, was echte Musik ist, legt er Idle Class auf: Punk, verwurzelt in der Musik von Bruce Springsteen, schallt durch den mittlerweile gut besuchten Laden. „Ich bin nicht der Typ, der Kunden irgendwelche Platten aufschwatzen will“, sagt Hoffmann. „Ich möchte sie durch das, was ich im Laden spiele, überzeugen.“

Underdog in Köln

Jäger und Sammler: Klassische Haltung eines Plattenkäufers.

Das Konzept geht auf: Ein Kunde nimmt Idle Class spontan neben den drei anderen Platten mit, die er sich zuvor in mühevoller Arbeit aus den Regalen zusammengesucht hat. Eine solche Entscheidung kann weitreichende Folgen haben. Vor allem für das Portmonee. Unter 15 Euro ist fast nichts zu haben, Doppel LPs kosten auch gerne mal an die 30 Euro. „Die Schallplatte ist ein Luxusprodukt“, sagt Hoffmann zerknirscht. Man merkt, wie sehr es ihm widerstrebt, etwas zu verkaufen, was sich nicht jeder so ohne weiteres leisten kann. Gerade ihm, der als lokaler Konzertveranstalter in Köln immer auf faire Eintrittspreise achtet und in seiner Jugend mit Hardcore- und Punkbands unterwegs war, deren Lebenseinstellung jedenfalls nicht vom Kapitalismus geprägt war.

Seit geraumer Zeit schon ist ein junger, bärtiger Mann mit blau-kariertem Flanellhemd im Laden, geht Buchstabe für Buchstabe alle Platten durch. Er hat noch nicht diesen starren Blick. Es wirkt, als würde er, gehemmt von einer Mischung aus Anspannung und Aufregung, jede LP am liebsten mit Samthandschuhen anfassen. Über eine Stunde geht das so.

Hoffmann hat in der Zwischenzeit die neuen Alben von Portugal.The Man und Boysetsfire gespielt, als der junge Mann an die Kasse kommt – mit leeren Händen. Er sei zum ersten Mal im Laden und habe sich ein Limit von 15 Euro gesetzt, aber nichts gefunden. Aus schlechtem Gewissen kauft er eine Single – für fünf Euro. Hoffmann schmunzelt. „Ich komme wieder und bringe mehr Geld mit“, verspricht der Neuling.

Vinyl-Käufer schrecken die im Vergleich zu CD und MP3 hohen Preise nicht ab. Egal ob Lehrer, Punk oder Student – sie alle schätzen den Mehraufwand, den höheren Materialwert und die Liebe zum Detail, die mit LPs oft einhergeht. „Es ist einfach eine andere Mentalität, die meine Kunden haben“, sagt Hoffmann. „Eine Platte hat außerdem keinen Wertverlust. Manche werden sogar mit der Zeit teurer. Und verkaufen kann man sie immer. Wenn es die Sammelleidenschaft zulässt.“

Hoffi hat keien Angst vor dem großen Saturn nebenan

Die Kölner Ritterstraße liegt etwas versteckt, obwohl sie direkt von den Ringen abgeht. Neben dem Underdog findet sich ein weiterer Plattenladen, der hauptsächlich Jazz und Klassik führt, außerdem ein Comicladen und ein Tätowier-Studio. Hoffmann hat sich bewusst für diesen Standort entschieden. „Das war früher das Musikveedel“, sagt er. Angst vor dem großen Saturn gegenüber hatte er nie. „Wir gehen die Sache hier anders an.“

Das schätzt auch Nils Cryns aus Bonn. Der 22-jährige Student ist mit MP3-Player und modernen Kopfhörern angereist. Trotzdem kauft er LPs – ein Format, das 100 Jahre älter ist als er. Von seinem Opa hat er einen Plattenspieler geschenkt bekommen, „so habe ich Vinyl für mich entdeckt“, sagt er.

Für ihn ist der große Vorteil, dass mittlerweile sehr vielen LPs ein Download-Code beiliegt. Dadurch erwirbt man nicht nur den physischen Tonträger, sondern auch das Recht, das Album offiziell aus dem Internet herunterzuladen. So kann man es nicht nur auf dem MP3-Player abspielen, sondern bei Bedarf auch auf CD brennen. „Das ist die Zukunft“, sagt Hoffmann. „Auf diesem Wege erwirbt man alle drei Formate.“ Und die Preise wirken plötzlich doch nicht mehr so teuer.

Underdog in Köln

Hoffis Reich: Der Underdog aus Sicht des Chefs – der am Tag des Fototermins frei hatte.

Doch egal, wie hoch der Preis einer Platte ist – reich wird man mit deren Verkauf nicht. Auch Hoffmann nicht. Es reicht, um mit seiner kleinen Familie davon leben zu können. Die Wohnung ist gleich um die Ecke: Papa, Mama, der kleine Sohn und 4500 Schallplatten. CDs? Fehlanzeige.

„Wenn man den Job nur macht, um Geld zu verdienen, hat man keine Chance. Man muss richtig Bock darauf haben“, sagt Hoffmann. Neben den Konzerten veranstaltet er noch eine eigene Partyreihe, bei der er auch selbst als DJ auflegt. Doch der Laden ist seine Basis. „Es kommt einfach nicht vor, dass ich keine Lust habe, hier morgens aufzuschließen.“

Wie lange er das noch machen will? „Bis zur Rente“, sagt er, ohne zu zögern. „Der Laden ist mein Leben. Musik ist mein Leben. Etwas anderes habe ich nicht.“ Auch für ihn ist sein Laden so etwas wie ein Paradies. Es sei denn, es rufen ständig Rap-Fans an.

 

Diese Reportage ist zuerst erschienen im General-Anzeiger Bonn im Juli 2013.

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